Sonntag, 1. Dezember 2013

über Ralph Dutlis «Soutines letzte Fahrt»

Ralph Dutli folgte meiner Einladung und las am 1. 12. bei uns in der camera.lit.obscura. Ich machte die Einführung in Dutlis Romandebut.




Herzlich willkommen bei uns an diesem kalten und dunklen ersten Advent. Unser Programm heute steht in einem gewissen Kontrast dazu.

Gerade haben wir die Bilder von Chaim Soutine zur Einstimmung gesehen. Es sind Bilder von vibrierender Farbe, von drastischer Deformation. Als ob sie in der Glut der Sommerhitze flirren würden. Dabei sind diese Bilder, deren Entitäten, möchte ich sagen, nie eindeutig benennbar: Menschen im Gebet zeigt Soutine in Form von Kerzenflammen, Tierkadaver öffnen sich wie  die Knospen einer Blume und Strassen und Bäume scheinen sich zu winden wie leidende Kreaturen. «Als habe der Schmerz die Welt geschaffen und nicht das ruhige Auge des Schöpfers und sein Wort», wird Soutine im Roman vom Rabbi abgemahnt. 

Als Lehrer für Bildnerisches Gestalten musste ich natürlich in der Fachliteratur nachschlagen. Im Catalogue Raisonné, dem Gesamtverzeichnis von Soutines Oeuvre steht, dass Soutine oft Milch und warmes, schwarzes Brot zu sich nahm, und in einer Bildinterpretation las ich, dass die Zubereitung des Essens Liebe ausdrücke und der Vorgang als solcher die Angst zu besänftigen vermag. Essen als Mittler zwischen Sakralem und Profanem. Solches leuchtet spätestens dann ein, wenn man den Ochsenkadaver im Kunstmuseum Bern sieht, wie er von Soutine – dem Gekreuzigten gleich – ins Format gesetzt wurde. Dutli widmet dem ein eigenes Kapitel – er beschränkt sich aber nicht auf eine Bildbeschreibung oder interpretiert es, nein, er spürt mit Wörtern den  Ursachen des Verstörenden nach!

Der Maler solcher Monstrositäten, Chaim Soutine, geboren 1893 in einem Schtetl bei Minsk, liegt zu Beginn des Romans in einem Leichenwagen. Der jüdische Maler wird von Chinon an der Loire zur Magenoperation nach Paris gefahren; getarnt und auf Umwegen, da die Hauptstrassen im Vichy-Frankreich kontrolliert werden. Wie es der Titel schon sagt, soll dies Soutines letzte Fahrt gewesen sein. 

Vielleicht lag es an den ärmlichen Verhältnissen, in denen  Soutine aufwuchs, dass er schon früh von einem Bandwurm sprach, der das Sattwerden verhindere. Das Magengeschwür auf jeden Fall trug er Zeit seines Lebens mit sich herum, kurierte es mit Milch und allerlei Pülverchen, bis es schliesslich zum Magendurchbruch kam. Der inzwischen vermögende Maler soll nun in einer besseren  Klinik, in Paris, operiert werden. Am 6. August 1943 setzte sich der Citroën in Bewegung.


Soweit  die Rahmenhandlung. Wie der Leichenwagen Paris umkreist, so umkreisen wir dank Dutlis Erzählkunst 270 Seiten lang das Leben und Leiden des grossen Schweigers vom Montparnasse, wie er von seinen Freunden genannt wird. Soutine wird vom Fieber geplagt und, als wäre das alles nicht genug, von Visionen heimgesucht, verursacht durch das Schmerzmittel Morphin. Dieser Transport, der heute laut google-maps in knapp drei Stunden zu bewältigen wäre, dehnt sich bei Dutli, wie die Zeit unter Schmerzen, ins Unendliche. Wie der Magen bricht das Zeitgewebe auf, wird durchlässig und somit empfänglich für allerlei Erinnerungen. In diesem transitorischen Raum, drängen sich die delirierenden Bilder auf zum Stoff, zur Erzählung assoziiert zu werden. Traumwandlerisch schreibt sich Dutli hinein in den fremden, fantastischen Kosmos.

Dabei streifen wir die Jugendjahre dieses Götzenanbeters, der, ich zitiere: « sich berausche an den bunten Statuen Baals und deren schmutzigen Farben». Dabei waren doch einzig die Farben im Dorf seiner Kindheit schmutzig, grau die staubigen Wege Smilowitschis und braun die ärmlichen Hütten des Unglücks. Um diesen zu entfliehen, kaufte er sich aus dem Schmerzensgeld, das seine Mutter nach einem Übergriff für ihn einklagte, eine Fahrkarte nach Wilna. Dort nahm er Zeichenunterricht. Litauen aber war nur Zwischenstation, der Sechzehnjährige wollte nach Frankreich. Paris natürlich, damals Welthauptstadt der Malerei. Wir erleben dann auch, wie Soutine im Migrantenmilieu des Montparnasse Fuss fasste ich zitiere «inmitten einem Haufen verwahrloster Russen, Polen und Juden». 

Ralph Dutli zeichnet kraft seiner Imagination ein pulsierendes, ein lebendiges Bild dieser Epoche, wie es in keinem Kunstgeschichtebuch anzutreffen ist: wie Soutine mit Chagall, Modigliani und namhaften Literaten im künstlerischen Austausch stand,  wie er nach einer eigenständigen Darstellungstechnik rang, nach Anerkennung, allem voran bei seinem von Modigliani vermittelten Händler Leopold Zborowski.  Dieser 1910 selbst eingewandert Pole schickte Soutine zuerst weit weg aufs Land, dass er seine Ruhe vor diesem grossen ungehobelten Weissrussen habe. 
Ralph Dutli bringt uns den geheimnisvollen Maler, über den nur sehr wenig Biografisches überliefert ist (es gibt gerade mal ein kleines Bändchen mit Memoiren einer Zeitgenossin), Ralph Dutli bringt ihn uns näher unter spielerischem Einsatz diverser Stilmittel. Fiktive Augenzeugenberichte versuchen, dem peintre maudit doch noch so etwas wie eine Seele abzuringen; nach Art der Situationisten wird in bester Psychogeografie das Dorf Céret beseelt, biblisches Vokabular evoziert die Genese des sprichwörtlich fruchtbaren Bodens, zu dem das Pyrenäendorf für Soutines Malerei von 1919 bis 1922 wurde. 

Die goldenen zwanziger Jahre fallen bei Ralph Dutli in der Gestalt des Amerikaners Dr. Albert Barnes in Paris ein. Der Pharmamilliardär, der gierig ein Bild Soutines nach dem anderen sich einzuverleiben scheint, dieser Magen ohne Boden, überrollt einer Naturgewalt gleich, Zborowskis Galerie. In reiner Slapstick-Manier wird hier die Grundsteinlegung des finanziellen Erfolgs sozusagen durchchoreografiert. 
Dutli schreibt aber auch eine Geschichte der Wirtschafskrise, als die Überfälle des  lechzenden Amerikaners  nach 1929 ausbleiben und 1932 Zborowski ruiniert und verschuldet stirbt. 
Ich fasse mich kurz: mit «Soutines letzte Fahrt» gelang Ralph Dutli ein eindrucksvolles Sittengemälde des gesamten delirierenden Lebens in und um Paris in der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts. 
Allem voran aber ist dies ein Buch der Farben, im Besonderen des Weissen, das alle Farben in sich vereint: das Weiss des Lichtes, das alle Dinge unbarmherzig beleuchtet, das Weiss der Milch und des Bismutpulvers, die den Magen besänftigen, das Weiss des entrückenden Mohnsaftes, das Weiss der Klinik, die ihn von seinem Leiden befreit … scheinbar befreit, denn «Wer der Kindheit entkommt, darf kein Paradies erwarten», schreibt Dutli auf der letzten Seite. 

Als wäre ihm nicht genug Leid widerfahren, wird Chaim Soutine vor die radikalste aller Entscheidungen gestellt: Du kannst geheilt werden, unter der Bedingung, dass du nie mehr einen Pinsel anrührst.
Wer stellt diese Frage? Und: wer stellt diese Frage dem bedingungslosesten aller Maler, dem Maler, der seine eigenen Bilder aufschlitzt, sie durchlöchert, als wären sie sein Magengeschwür in Person? Der sich an ihnen abarbeitet, der durch seine Bilder sich an seinem Leben abarbeitet. 

«Poesie ist eine Revolte gegen die Macht der Zeit, gegen den Tyrannen Chronos.» – Soutine bleibt durch das Malen am Leben. Was Ralph Dutli einleitend in seiner Biografie über den Russischen Dichter Ossip Mandelstam schreibt, trifft auch hier zu: «Das Wesentliche ereignet sich im Werk (…) nicht in der Anhäufung von Lebensfakten.» Unter Zuhilfnemahme nur der allernötigsten Jahreszahlen bereichert Ralph Dutli 17 Kapitel lang Biografisches mit Erdachtem, Assoziiertes mit Erfühltem. 
«Mademoiselle Garde und das nichtige Glück» ist ein zärtlicher Dialog mit, so lässt es der Roman vermuten, Soutines grosser Liebe, der deutschen Jüdin Gerda Michaelis. Ich möchte abschliessend aus diesem Kapitel, einem meiner liebsten, noch zitieren. Sie, die Soutines Migrantenschicksal teilt, sitzt in der Limousine neben ihm, spricht aber durch das Fenster, zur Landschaft heraus, gleichsam in die Zukunft hinein: 

«Man starb in einem besetzten Land wie vorher, nur häufiger», sagt sie. Worauf er entgegnet: «Als du zur Winterradrennbahn gingst und nicht mehr wiederkamst, war ich verzweifelt … Ich habe dir ins Lager Gurs einen Brief geschrieben, … es kam keine Antwort, wahrscheinlich durftet ihr nicht schreiben.»  Und er vergleicht sie mit Rembrandts später Lebensgefährtin Hendrickje, wie sie auf dessen Bild ihren weissen Rock in den Händen hält und in schwarzes Wasser steigt. 

Poesie? Unbedingt! Und was für ein immenses Unterfangen muss die Arbeit an diesem Roman gewesen sein. 
Er wird bestimmt kein geringes Mass an Recherche-Arbeit mit sich gebracht haben. Ich habe noch kein Buch gelesen, das auf derart intelligente Weise Zeitgeschichte, Literatur und Bildende Kunst miteinander verbindet. Bestimmt ist das auf die bisherigen Tätigkeiten seines Autors zurückzuführen, denn obwohl «Soutines letzte Fahrt» sein erster Roman ist, fiel Ralph Dutli auf verschiedenste Arten im Literaturbetrieb auf.

Ralph Dutli, geboren wurde er 1954  in Schaffhausen, studierte Romanistik und Russistik in Zürich, später in Paris. Er lebte dort zehn Jahre lang, in der Nähe des Friedhofs Montparnasse, wie ich an der Lesung im Zürcher Literaturhaus mitbekam.  Seit 1994 lebt und arbeitet Ralph Dutli als freier Autor in Heidelberg. 
Zu seiner Pariser Zeit übertrug er Johannes Bobrowski ins Französische, später russische Lyrik ins Deutsche: Joseph Brodsky, Marina Zwetajewa und Ossip Mandelstam. Menschen, die ebenfalls unter katastrophalen Bedingungen nicht anders konnten als weitermachen und niederschreiben, was sie bewegte (Zwetajewa beging 1941 Selbstmord und Mandelstam starb am 27. Dezember 1938 in einem Transitlager bei Wladiwostok). Später würde ich dann gerne nachfragen, inwiefern die Auseinandersetzung mit diesem Figuren sich auf die Arbeit an «Soutines letzte Fahrt» auswirkte. 
1995 wurde Ralph Dutli in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt gewählt, 2006 erhielt er den Johann-Heinrich-Voss-Preisfür das oben erwähnte übersetzerische Werk.
Zuletzt wurde Ralph Dutli mit dem Rheingauer Literaturpreis ausgezeichnet. Ihr Verleger sagte mir, da dieser Preis mit 11.111 Euro und 111 Flaschen Rheingauer Riesling dotiert ist, sei dies sogar der deutschen Bild-Zeitung eine Story wert gewesen – herzlichen Glückwunsch hierzu!

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